Noch bevor Vilibert am Morgen die Tür zu seinem Büro aufsperrt, bemerkt er, dass etwas nicht stimmt. Es ist still. Kein dumpfes Tappen der Druckmaschine, kein freches Lachen der Setzerburschen tönt aus der Scheune der Nussbaumdruckerei.
Als er Hut und Mantel abgelegt und einen flüchtigen Blick auf die sich seit Tagen stapelnde Post geworfen hat, geht er hinüber. Früher wäre das nie passiert, ich wäre im Laufschritt als erstes in die Scheune gestürmt und hätte das Smial durchgekehrt, denkt er bei sich. Ich bin alt geworden.
Auf halbem Weg bleibt er stehen. Seriweis steht in der Tür zur Scheune, die Hände tief in den Taschen seiner Hose vergraben. Einen Augenblick sehen sich die beiden alten Gefährten an. Dann setzt Vilibert sich wieder in Bewegung. „Die Jungs sind Angeln”, murmelt der Setzer leise, als er vor ihm stehen bleibt. „Ist ja auch kein Wunder, wenn nichts zu tun ist. Und der Umwerfer ist schon wieder hin, nochmal kann ich den nicht reparieren. Wir bräuchten ein ordentlich geschmiedetes Ersatzteil. Aber das ist denen da oben ja nicht beizubiegen. Hab’s diesmal gar nicht erst versucht.”
Vilibert nickt, ohne etwas zu erwidern. Er räuspert sich. „Die Geschäfte laufen eben schlecht. Mir haben sie die Schreibkraft auch schon wieder gestrichen. Sie war auch nur zwei Tage da, kein Wunder bei dem Lohn.” Er zögert einen Augenblick, bevor er wieder den Mund öffnet. “Wie lange machen wir das hier schon? 30 Jahre oder sind es mehr?”
„Eher mehr, meinst du nicht”, sagt der grauhaarige Setzer und fast gegen seinen Willen muss er schmunzeln. Dann wird er wieder ernst. „Ich hab’ bei meinem Vetter in Dachsbauten eine Stellung gefunden. Bücher führen, du weißt schon. Ich könnt’ gleich anfangen, sagt er. Und gut zahlen tut er auch. Wollt’ nur nicht verschwinden wie die anderen, ohne dir Bescheid zu geben.”
Seriweis stößt sich lässig mit der Schulter vom Türrahmen ab und tritt vor Vilibert. „Ich hab’ gehört, da unten in Stock suchen sie einen ordentlichen Schreiber. Ist natürlich nicht der Bote, aber bevor zu Hause Wurzeln schlägst… Und weit weg von Dachsbauten wär’s auch nicht, da könnten wir mal das Bier da am Fluss probieren. Soll so schlecht ja nicht sein im Barschen. Aber das weißt du ja sicher besser als ich.” Seriweis lacht.
Dann greift er hinter die Tür, wo Stab und Bündel offenbar schon bereit liegen. Er schultert das Bündel und hebt den Stab. „Schade, das es so endet.” Er umarmt Vilibert, der die Geste automatisch erwidert. Dann setzt er seinen Hut auf und geht zum Hoftor hinaus, wo er noch einmal stehenbleibt, sich umdreht und die Hand grüßend hebt.
Vilibert steht minutenlang vor der Scheune, unschlüssig, was er nun tun soll. Dann gibt er sich einen Ruck. „Der Steilhang hat ja Recht. Hier ist kein Kräutertopf mehr zu gewinnen. Haben sie sich selbst zuzuschreiben, die Herren von der Nussbaumdruckerei.” Zum letzten Mal spannt er einen Bogen mit dem Briefkopf der Druckerei auf das Pult und beginnt zu schreiben.
Werte Damen und Herren der Geschäftsführung,
nachdem nun zum wiederholten Mal die Löhne verspätet gezahlt wurden, zudem die Maschine erneut ausgefallen ist und große Teile der Belegschaft anderweitig untergekommen sind, kündige ich hiermit fristlos meine Stellung als Seniorschreiber von „Tilions Bote”. Es ist niemand mehr hier außer mir. Die Schlüssel zu Schreibbüro, Hof und Scheune findet ihr anbei. Alle Fenster und Türen habe ich ordnungsgemäß verschlossen. Ausstehende Löhne - vor allem für die Setzerburschen und Obersetzer Seriweis Steilhang - wollt ihr bitte an die bekannten Adressen senden.
Ein letzter Gruß aus Hobbingen
Schwungvoll setzt Vilibert seine Unterschrift unter das Schreiben. Er fühlt sich auf einmal erleichtert. Vielleicht mache ich das wirklich, denkt er. Stock. Keine große Reise für einen wie mich, der weit herum gekommen ist. Vielleicht schaue ich dort wirklich auf einen Sprung vorbei. Aber erst einmal ein paar Tage Angeln auf den Schreck. Am besten in Dachsbauten mit Seriweis, damit ihm nicht das Smial auf den Kopf fällt. Er packt Adressbuch und Notizblock ein, nimmt die Mappe mit seinen liebsten Bildern unter den Arm, setzt den abgegriffenen Grenzerhut auf und tritt aus der Tür.


















